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December 2011

2011-12-26

Rabatt an der Theke, Gefahr auf der Treppe

Die Frau am Postschalter sagt: "Zwei Euro, aber geben sie mir eins vierzig."

Ich: "Danke! Das ist aber nett."

Erstaunlich. Anscheinend gibt sie mir Rabatt. Ich gebe ihr ein Zwei-Euro-Stück, sie nimmt es. Im gleichen Moment denke ich: Das war dumm von mir, ich hätte doch eins vierzig klein gehabt. Es ist ja wirklich viel verlangt, dass sie mir diesen außerordentlichen Rabatt jetzt auch noch als Wechselgeld rausgeben soll.

Anscheinend geht sie aber um das Geld zu holen. Dann kommt nicht sie, sondern ihre kleine, kurzhaarige Kollegin zurück an die Theke, ich hatte sie auch schon gesehen. Nun ist sie allerdings nackt: sehr mager, ihre Haut bleich-grau. Sie hat nicht mal Schamhaare.

Sie hat das Wechselgeld für mich und legt es auf die Theke: ein Zwei-Euro-Stück. Das verwirrt mich, ich hatte nicht damit gerechnet meinen Einsatz voll zurückzubekommen. Dann sehe ich noch eine zweite, größere Münze, die schon in der Entfernung silber-golden glänzt. Ein Fünf-Euro-Stück, wie ich annehme, obwohl ich noch nie eines gesehen habe. Das gibt sie mir auch noch hinzu. So merkwürdig, das ist ja das Zehnfache von dem, was ich rausbekommen sollte. Und nicht mal auf das hatte ich ein Anrecht. Ein Irrtum liegt vor, ich sollte verzichten. Aber das bringe ich nicht über mich. Schließlich erhalte ich noch einen Toiletten-Schlüssel, von dem war auch schon die Rede. Der Schlüsselanhänger ist ein langer, dicker, speckig schmutzig abgegriffener Kloß. Darum hatte ich freilich nicht gebeten.

Ich bedanke mich und gehe.

An der Treppe zur Cafeteria treffe ich meine Mutter wieder, sie trägt ihr helles Wollkleid. Ich gehe die Stufen hinunter, sie hinter mir, alles scheint in Ordnung. Aber dann mache ich irgendetwas falsch: Mitten auf der Treppe stehe ich plötzlich nicht auf einer Stufe, sondern auf einem Stuhl auf der Stufe. Ich bin wie gefroren. Die Sekunden ticken, undeutlich ist mir bewusst, dass ich immer noch das Zeug, Schlüssel und Münzen, in den Händen halte. Schließlich wage ich meinen Kopf so weit zu senken, dass ich sehen kann, was unter mir ist: Mit den hinteren Beinen steht der Stuhl auf der Stufe, die vorderen hängen in der Luft. Das einzige, das mich davor rettet in die Tiefe zu stürzen, ist meine Mutter, die, eine schwache Hand an meinem Rücken, mich im Gleichgewicht hält. Aber darauf kann ich mich nicht verlassen. Die Sekunden ticken, ich brauche lange, ehe ich die Panik in meinem Kopf soweit überwinde, dass ich denken kann: Der erste und wichtigste Schritt wäre von diesem Stuhl herunter zu steigen.

 

2011-12-20

On fighting ghosts at night

Two females in flimsy dresses are walking through long passages in a building at night. They stay together until a dark woman gets near them. One of the two is scared by the woman's torn and dirty dress and goes another way. The two girls are moving along parallel passages now. Their paths will converge again: on a room where one of them was very scared last night. She's convinced she saw ghosts there.

I am lying on a bed in that room, wondering how I would deal with ghosts. I'm thinking about a weapon. My bush knife. It's on a shelf beside the bed, a bit below the mattress. Rolling to the left and reaching across with my right hand I can get at the handle. I am gripping it. My back is to the wall where the ghosts lurk.

I'm dissatisfied. The knife should be closer. I should be able to reach it faster to hit an attacking ghost in time.

Beside the bush knife there is the African one that my father once brought me from one of his trips. A leaf-shaped blade with edges grossly blunted by corrosion, also too small, a useless antiquity.

There is more stuff on the shelf: Two beads on a cord and something else. The beads are touching my hand on the handle. I imagine a ghost assailing me from behind, I would secretly grab my weapon but the beads would make a clicking noise, foiling my defence. That must not happen!

Letting go of the handle I move the beads away. Pesky things. Not far enough but I can't reach any further.

I imagine a ghost tiger leaping from the wall behind my back and, as it were rushing through the air, I would be swinging the bush knife in a great arc to hit it on the forehead. I would use all my strength. But what is that against the weight of a tiger? But a blade is thin, it concentrates force. - Will that be enough?

 

2011-12-15

Ich spiele lieber gegen die Bank

Mein Bekannter sitzt mir am Tisch gegenüber. Wir spielen ein Spiel mit runden Steinen, es gibt zwei Farben: die Kotzgrünen bringen nur einen Punkt, die anderen bringen fünf Punkte. Abwechselnd ziehend legen die Spieler immer zwei Steine. Alle gesetzten Steine bilden eine unordentliche Menge mitten auf dem Tisch. Alle Steine kommen aus dem Vorrat der Bank, der schließlich zur Neige geht. Ich merke, dass die Bank jetzt nur noch zwei Steine hat. Mein Bekannter ist dran, ich denke, er wird nun zwei setzen. Wenn danach ich dran komme und ebenfalls zwei verlange, ist die Bank bankrott. Das finde ich gut.

Aber mein Bekannter spielt anders. Er verhindert, dass es dazu kommt.

Als wir die Treppe hinaufsteigen, denke ich immer noch an das Spiel. Ich denke, dass ich es viel besser finde gegen die Bank als gegeneinander zu spielen. Warum soll man sich denn gegenseitig schädigen, wenn man gemeinsam die Bank knacken kann?

Auf halber Höhe bleiben wir nebeneinander am Geländer stehen, ich sage: "Ich spiele lieber gegen die Bank."

Er warnt mich, dass es nicht erlaubt sei so zu reden.

Aber warum denn?

Im oberen Stockwerk stehen wir an der Theke und Zwei stoßen zu uns, Bekannte meines Bekannten. Er und sie sagen, dass es keinen Spaß mache gegen die Bank zu spielen, dass es blöd und langweilig sei. 

Es klingt, als ob sie mich beeinflussen wollen.

 

2011-12-04

Ich hasse die Zivilisation

Ich bin in einer enormen, dunklen Halle, an einem Ende, wo etwas Licht hereinkommt. Die Blechwand ist zerstört, von unten nach außen aufgerissen, so dass ich von hier den Boden sehe, der zum Draußen gehört. Braune Erde - die ich auch innen sehe, denn durch eindringende Feuchtigkeit ist der Hallenboden im Lauf der Zeit vermodert und zu Erde geworden.

Ich muss dringend auf die Toilette und denke: das könnte ich ja auch drinnen tun, wenn der Boden hier Erde ist. Anderenfalls müsste ich den langen Weg zurück zum Ausgang gehen.

Unterdessen habe ich mich weiter der Rückwand genähert und bin in eine parkartige Region gekommen. Hier zu urinieren könnte mich in Schwierigkeiten bringen. Ich sollte zurückgehen, aber das wäre zu mühsam. Trotz meiner Bedenken will ich mir also hier ein Örtchen suchen, da sehe ich eine steife, alte Frau in Sonntagskleidung vor der dunkelgrauen Rückwand der Halle von rechts nach links schreiten.

Um mich vor ihr zu verbergen gehe ich an einen zwischen uns liegenden, künstlichen Busch heran, der hunderte kerzenartiger Auswüchse mit stumpfen Hüten hat. Ich überlege, ob ich mich in dessen Sichtschatten endlich erleichtern könnte, aber der Platz liegt sehr offen und da bemerke ich auch schon wieder jemanden: einen Mann, der mich dabei beobachten könnte.

Unterdessen bin ich in den Busch hinauf geklettert, stehe in der untersten Ebene seiner Stempel auf  bräunlichen Pilzhüten aus Metall. Und sehe vor mir einen Parkaufseher, der mich höflich auffordert herunter zu steigen. Er ist um den Busch besorgt und fürchtet, meine Schuhe könnten den Lack der Hüte zerkratzen. Anweisungen murmelnd, um äußerste Behutsamkeit bemüht, leitet er mit seinen Händen die Bewegungen meiner Füße. Ich finde das wirklich überflüssig, nehme es aber hin und bringe schließlich zuerst den einen Fuß, dann den anderen herab.

Der Aufseher ist nun viel kleiner und steht mit dem Rücken zu einem turmhohen, engmaschigen Tierkäfig. Er sagt: "Ca fait trois Denari".

Ich bin verwirrt: Das klingt, als wolle er ein Bußgeld von mir erheben. Aber warum spricht er Französisch? Warum redet er von 'Denari'? Anscheinend weiß er nicht mal, dass hierzulande der Euro Zahlungsmittel ist. Ich kann diese Forderung nicht ernst nehmen, abgesehen davon, dass ich nicht die geringste Lust habe auch noch Strafe zu zahlen. So reagiere ich einfach nicht. Aber er insistiert: "Trois Denari". Schon wieder dieser Quatsch, ich sage zu ihm, dass Denari hier nicht existieren. Ob er Euro meine? Das verwirrt ihn sichtlich. Aber mir geht durch den Kopf, dass ich ihm damit ja quasi suggeriere, er könne nun drei Euro von mir verlangen und das finde ich exorbitant teuer. Ich habe nicht mal Lust ein Zehntel davon zu bezahlen.

Ich will weg, aber er lässt nicht von mir ab. Das macht mich aggressiv: Wie kann ein so schmächtiger, kleiner Kerl, der anscheinend weder Deutsch spricht, noch unsere Währung kennt, es wagen mich hier aufzuhalten?!

In einer Sackgasse, inmitten von Zoobesuchern reibe ihm unter die Nase, dass er hier gar nichts zu suchen hat. Ich packe ihn am Oberarm, schüttle ihn und - weil er immer noch nicht verschwindet - gehe ich in die Knie, sense meinen rechten Arm in seine Kniekehlen und hebe ihn in die Luft, so dass er kopfüber von meinem Arm baumelt. Befriedigt stelle ich fest, wie stark ich bin.

Aber das reicht mir nicht. Am liebsten würde ich ihn so verprügeln, dass er als lebloser Haufen vor mir auf dem Boden läge. Nur die Befürchtung, dass er dann seine Kollegen um Hilfe riefe, hindert mich daran.

Das ist der Nachteil jeder Zivilisation: Durch ihre schlichte Anzahl sind einem die verdammten Ordnungshüter immer überlegen.

 

 

© Anthony Thwaites